diesen (echten) Weg auf den Höhen…

01. Juni 2013

Hei, Hei, Hei, ho der Rennsteiglauf singen wir jedes Jahr abends im Festzelt und die coolsten Typen haben eine Medaille mit grünem Band und ein Finisher-Shirt an. Bisher waren die für mich schon eine Art Vorbild und irgendwann wollte ich auch mal dieses T-Shirt haben. 2012 auf der Heimfahrt war es dann soweit, dass ich mich entschloss, das Projekt Supermarathon anzugehen und so meldete ich mich am Sonntag nach dem Rennsteig 2012 für die richtige Strecke an. Der Vorteil an der Distanz ist, dass man im Training die fiesen Bolzeinheiten nicht braucht und so joggte ich zwar schöne Umfänge ab, aber böse Tempoeinheiten konnten diesmal wegbleiben. 99 Einheiten (seit 01.01.) und insgesamt 1570km waren die Vorbereitung. Dabei gab es 12 Läufe über 30km und davon 3 Marathons, die im Wohlfühltempo absolviert wurden.

Am Abend in Eisenach musste ich leider feststellen, dass die Stimmung mit der in Oberhof nicht mithalten kann. Die Ultras sind wahrscheinlich fokussierter auf den nächsten Tag und so hielten wir es auch nicht all zulange da aus und waren zeitig in der Pension. Der Aufregungslevel war schon ziemlich hoch, denn 73km sind nach wie vor eine Distanz, mit der der Kopf seine Probleme hat. Nach wenig Schlaf standen wir dann kurz vor sechs an der Linie und als der Startschuss erfolgte, ging es los.
Christoph, Markus und ich hatten vereinbart, erstmal zusammen zu bleiben und im Laufe des Tages zu entscheiden, ob jemand besser drauf ist und sich nach vorn verabschiedet. Da ich überhaupt kein Gefühl über eine mögliche Endzeit hatte, musste eine auf der langen Runde oft ehrfürchtig genannte Formel herhalten: Marathonzeit mal zwei plus 30 Minuten. Das ist wohl nach anerkannten wissenschaftlichen Methoden die beste Möglichkeit, eine Vorhersage zu tätigen. So um 6:30 sollte es also werden und da man ja nicht jeden km gleich schnell absolvieren kann (blödes Höhenprofil) gibt es nette Menschen, die aus der prognostizierten Endzeit und dem Streckenprofil einen Excelrechner gebastelt haben, mit dem man sich von Verpflegungsstand zu Verpflegungsstand hangeln kann und Pace/Abschnitt unter Berücksichtigung der Höhenmeter vorgegeben wird. Ein laminierter Ausdruck des Plans war als Gedankenstütze dabei und so konnte nicht viel schief gehen.

Da ja im Laufverein schon einige dabei waren, wussten wir, dass der Inselsberg ganz ruhig angegangen werden muss und entsprechend mahnten wir uns gegenseitig, nicht zu übertreiben. Mit 5.15er Pace waren wir trotzdem etwas zu schnell, aber das Gefühl war gut. Laut Markus kommt nach dem Inselsberg ein Shuttlestück, wo man Tempo machen muss, wenn es um irgendwas geht. Uns war es egal, denn so langsam merkten wir, dass das noch hart werden würde. Knapp 30 km weg und immer noch einen Marathon zu laufen führt nicht zu innerlichem Jubel. Ablenkung bringen die wirklich zahlreichen Verpflegungsstände, die sehr oft aufgestellt sind und die Strecke doch recht kurzweilig machen. Wir hielten da jeweils kurz an und nahmen im Vorbeigehen etwas Nahrung und Getränke auf und steuerten dann die Nächste an. Die Pace war deutlich gefallen und in meinem Kopf war sogar die 7-Stunden-Marke in Gefahr. Die Zeittabelle hatten wir weggepackt und wollten nur noch ankommen.

Innerhalb unserer Gruppe hatte ich irgendwie an dem Tag etwas bessere Beine und weil ich das Gefühl hatte, ab 50 noch etwas drauflegen zu können, verabschiedete ich mich und versuchte mein Glück nach vorn. Diese letzten 24km waren dann für mich richtig toll. Ich konnte Läufer aufsammeln und richtig gutes Tempo laufen. An den Anstiegen muss man zwar gehen (Beerberg), aber wenn es halbwegs eben ist, war immer ein 5er Schnitt drin. Auf der Schmücke wusste ich, dass 6:45 möglich ist und ab da lief es durch das schöne Bergab-Gelände noch mal besser. Die Kilometer flogen nur noch so dahin – km 72 in 4:23 und Schmiedefeld war bald in Reichweite.
Der Zieleinlauf war der absolute Hammer. Nach 06:43:45 erreichte ich das Ziel und war dermaßen emotionalisiert, dass ich erstmal heulen musste. Die ganze Anspannung fiel mit einem mal ab und mir wurde bewusst, dass ich gerade 74km gerannt war. Zum Glück kam kurze Zeit später Dirk von der Marathonstrecke und ich konnte jemanden umarmen. Als nächstes holte ich mir mein Finisher-Shirt (nicht dass die plötzlich keine mehr haben) und ließ mich von Susi drücken. Christoph und Markus kamen ca. 10 Minuten nach mir ins Ziel und waren ebenso froh, das geschafft zu haben.
Abends im Festzelt war ich natürlich standesgemäß gekleidet und ließ mich auch gut feiern. Als dann aber das hei, hei, hei, ho Lied angestimmt wurde, hab ich vorsichtshalber eine bestimmte Zeile nicht mitgesungen, denn ob ich das nochmal will, weiß ich nicht so ganz genau.